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Auf Meister Petz Spuren in den Rocky Mountains


Ursprünglich wollte ich diesem Bericht in Anlehnung an eine TV-Sendung den Titel "7 Tage, 7 Bären" geben. An unserem letzten Tag im Jasper National Park in den kanadischen Rocky Mountains haben mir jedoch "leider" zwei Schwarzbären einen Strich durch die Rechnung gemacht und auf der Weiterfahrt zum Wells Gray Provincial Park kam dann schließlich auch noch Bär #10 hinzu... ;-)


Faszinierende Tierwelt: Nicht selten wurde ich gefragt, wieso wir denn (schon wieder) in die Rocky Mountains fahren, wo es doch so viele Berge praktisch vor unserer Haustüre gibt. Kein Zweifel, unsere Alpen sind wunderschön und ich bin auch sehr, sehr gerne unten in meiner Heimat Kärnten. Aber dennoch, man kann beide Gebirgsketten kaum miteinander vergleichen. Es sind allen voran die unberührte Natur, die einsamen Wanderwege und die vielfältige Fauna, die uns in Übersee so faszinieren. Wir hatten drüben im Lauf der letzten 8 Jahre unzählige einzigartige Begegnungen mit Tieren und heuer sind wieder etliche hinzu gekommen, etwas das bei uns in Europa leider in dieser Form nie möglich gewesen wäre.
In Österreich freut man sich schon sehr, wenn man je eines der größeren oder kleineren bei uns beheimateten Tiere zu Gesicht bekommt. In den Rocky Mountains hingegen fängt man nach ein paar Urlauben an zu grübeln, welches denn überhaupt noch auf der "gesehen"-Liste fehlt. Und es ist kaum zu glauben, aber bis auf den Puma (von dieser Raubkatze konnten wir bislang lediglich Fußabdrücke vorfinden) und ein paar kleinere Wieselarten ist die Liste so gut wie komplett. Was das für ein Erlebnis ist, wenn man an einem Flussufer entlang spaziert und es steigt vor einem plötzlich ein Weißkopfseeadler mit seiner Beute auf, oder wie aufgeregt man ist, wenn man an einem Berghang in New Mexico unvermittelt einem Luchs (bobcat) gegenüber steht, das lässt sich kaum in Worte fassen.
Zu den schönsten und absolut imposantesten Tieren, die man in der Neuen Welt antreffen kann, zählen die Braun- und Schwarzbären. Und es gibt wohl nur wenige Leute, die aus einem längeren Aufenthalt in den kanadischen Rocky Mountains zurückkommen, ohne zumindest einen gesehen zu haben.

 

Balck Bears at Bear Country USA in Rapid City
Black Bears at Bear Country USA in Rapid City
Die Bären im Bear Country USA in Rapid City, SD


Meine ersten Begegnungen mit dieser Tierart beschränkten sich bis dato auf einen Schwarzbären in freier Wildbahn sowie zwei "Zoo"besuche. Im Bear Country in den Black Hills, South Dakota, kann man mit dem eigenen Auto durch ein großes Schwarzbär-Gehege fahren und anschließend die Bärenbabys beim Spielen beobachten (ähnlich wie im Yellowstone Bear World in Rexburg). Ich habe den Kleinen im Sommer 2000 stundenlang zugesehen, wie sie auf die Bäume klettern oder in ihren Futtertrog herumpurzeln und wie sie eine lange Kette in Reih und Glied bilden, wo jeder Bär brummend dem Vordermann am Ohr knabbert. So etwas Herziges hatte ich mein Lebtag noch nicht gesehen! Es ist wahrlich kein Wunder, dass wir Menschen uns den Teddybären zum liebsten Kuscheltier gemacht haben.
Etliche Grizzlybären konnten wir auch bereits im Grizzly Discovery Center in der Ortschaft West Yellowstone beobachten. Während es sich beim erstgenannten um ein Tiergehege im Privatbesitz handelt, so ist dieses nicht profitorientierte Pflegeheim am Rande des Yellowstone N.P. ein Platz, in dem verwaiste Kleinbären ein zu Hause finden und wo man sogenannte "Problembären", jene die sich aus unglücklichen Umständen an den Menschen bzw. seinen Abfall gewöhnt haben, untergebracht werden.
In freier Wildbahn hatte ich bis heuer lediglich eine einzige Begegnung mit einem Schwarzbären. Dieser streifte im Grand Teton National Park in einiger Entfernung zwischen den Büschen am Ufer des Flusses umher. Drei Jahre später war es dann abermals im Grand Teton N.P. während einer Wanderung, als uns zwei Leute aufgeregt entgegen kamen, wir sollen da nicht weitergehen, denn da vorne sei gerade eine Bärin mit zwei Jungen unterwegs. Die Neugierde war groß und wir haben noch kurz um die Ecke geschaut, aber da die Tiere weit und breit nicht zu sehen waren, siegte schließlich die Vernunft und wir gaben der jungen Familie ihre wohlverdiente Ruhe. Dies ist auch die einzige rationale Entscheidung, die man in solch einer Situation treffen kann und wenige Tage später als ich im Yellowstone vor dem etwas launischen Daisy Geyser ausharrte, hatte der Ranger allerlei Schaudergeschichten für mich parat. Erst kürzlich war damals ein einsamer Wanderer plötzlich zwei kleinen Bären cubs gegenübergestanden. Als er sich vorsichtig - wie empfohlen - langsam nach hinten von ihnen wegbewegte, lief er direkt in die offenen Arme der Bärenmutter. Sie hat ihm ziemlich arg zugesetzt (ich verzichte mal lieber auf Details), aber er kam gerade nochmal mit dem Leben davon. Und auch von einem zweiten ähnlichen Zwischenfall wusste der Ranger zu berichten, der sich auch vor nicht allzu langer Zeit ereignet hatte.



Im Jahr 2005 verschlug es uns erstmals hinauf in die kanadischen Rockies. Gleich an unserem ersten Morgen (29. Juli) sahen wir am Ufer des Johnson Lake im Banff N.P. eine große Anschlagtafel mit einer "Bear Advisory". Grizzlybärin #66 sei hier mit ihren drei jungen cubs unterwegs und würde nach essbaren Pflanzen und jungen Rehen Ausschau halten. Wir registrierten diese Meldung zwar, maßen ihr allerdings keine besonders große Bedeutung zu. Welch Fehler, wie wir nur 3 Tage später auf der gegenüberliegenden Seite des Trans-Canada Highway feststellen mussten! Ein Großteil der Grizzlybären wird innerhalb der Nationalparkgrenzen mittels Sender überwacht, so dass die Warden (kanadische "Ranger") meist ziemlich genau darüber informiert sind, wo sich ihre Schützlinge gerade aufhalten.


Bären-Warnschilder (oben);
Immer nur hinter dem Gebüsch sichtbar: der schwarzbraune
Nachwuchs von unserem
Grizzly #1 im Banff N.P.

Fasziniert vom ungewöhnlich geformten Mt. Rundle, der sich abends herrlich in den Vermilion Lakes spiegelt, wollten wir uns dieses Gebiet bei Morgenlicht noch einmal näher anschauen. Gleich am Beginn der Zufahrtsstraße stand jedoch schon eine Warden, die uns anhielt und mitteilte, dass wir diese Straße zwar weiter fahren, aber unter keinen Umständen das Auto verlassen dürfen. Zusätzlich wurden wir von ihr mit zwei interessanten Informationsbroschüren über Bären und wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll, ausgestattet. Wahrlich vorbildhaft wie man hier im Banff N.P. versucht gefährliche Begegnungen zwischen Raubtier und Mensch zu verhindern!

Die Vorfreude und Anspannung war enorm, sollten wir heute die Chance haben gleich vier Bären auf einem Schlag zu sehen? Auch ein paar andere Autofahrer hatten sich zu den Vermilion Lakes verirrt und suchten das Gebüsch eifrig nach einem Lebenszeichen ab, aber keiner von ihnen schien Glück zu haben. Als wir schon fast aufgeben wollten, und ich wieder mal auf die falsche Straßenseite geschaut habe, tritt Bernhard vorsichtig auf die Bremse und siehe da. Unmittelbar neben der Straße hinter den Bäumen: Es war ein Grizzly - eindeutig an seinem charakteristischen "Höcker" (siehe Beschreibung) zu erkennen - eine Bärin mittlerer Größe, die sich hier am Seeufer an den knallroten buffaloberries labte, während ihr Nachwuchs im Gebüsch herumtollte.
Es handelte sich übrigens um jenen 10 Jahre alten Bear #66, der drei Tage zuvor am Johnson Lake unterwegs war. Nun standen diese Schilder an dieser Straße und als wir dann wieder weiterfuhren, war auch die Warden nicht mehr anwesend. Solche Anschlagstafeln sollte man auf jeden Fall ernst nehmen, denn sie werden von der Parkverwaltung stets in unmittelbarer(!) Nähe der Bären postiert! Vor allem zu dieser Jahreszeit, wenn eine ihrer Lieblingsbeeren, die buffaloberries, heranreifen, sind die Tiere mitunter oft so abgelenkt durch die Nahrungsaufnahme, dass sie ihrem Umfeld etwas weniger Beachtung schenken. Und was dann passieren kann, wenn man beim Wandern eine Grizzlymutter mit gleich drei cubs überrascht, das möchte ich mir wirklich lieber nicht ausmalen...


Unser fünfter Bär ließ nicht lange auf sich warten. Als wir am selben Abend einen kurzen Abstecher zu den Takakkaw Falls im Yoho N.P. unternahmen, sah ich, wie sich in der Nähe einer Eisenbahnbrücke unten am Hang ein großer schwarzer "Brocken" bewegte. Über eine unbefestigte Straße konnten wir uns dem Tier ein wenig nähern. Es war ein recht stolzes Exemplar eines Schwarzbären und ich freute mich wie ein kleines Kind - der erste in freier Wildbahn lebende Bär, den ich selber entdeckt hatte und den ansonst kein anderer Tourist zu bemerken schien.
Es versteht sich wohl von selbst, dass wir nicht aus dem Fahrzeug ausgestiegen sind und den Bären nur möglichst unauffällig aus größerer Entfernung beobachtet haben. Das Fotografieren ist hierbei absolut nebensächlich und man sollte Abstand davor nehmen, wenn man dadurch das wilde Tier in seinem Verhalten beeinträchtigt und stört. Ein Großteil der Parkbesucher scheint da jedoch leider etwas anders darüber zu denken, wie wir 2 Tage später im Jasper N.P. feststellen mussten...

Was sich am Icefield Parkway ereignete ähnelte den Hirsch- und Bisonsstaus im Yellowstone N.P. Wir waren so ziemlich die ersten, die diesen Bären entdeckt hatten und parkten unser Auto am Straßenrand in der Nähe des Bären. Es folgten Dutzende von anderen Schaulustigen, jeder wollte den Schwarzbären sehen, Autos parkten mitten am Hwy, Leute stiegen aus und drängten sich von allen Seiten um den Bären, der hier nur friedlich ein paar rote buffaloberries naschen wollte. Das Theater, das sich dort abgespielt hat, werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen... Es wurde hektisch hin- und hergerannt, es wurde geschrien und andauernd versucht die Aufmerksamkeit des Bären zu erregen, damit er ganz besonders fotogen herblickt. Von allen Seiten wurde das arme Tier abgelichtet und nicht nur das: Ein Vater wollte wohl die ultimative Urlaubserinnerung und forderte seine zwei kleinen Kinder auf, sich dem Bären noch ein wenig zu nähern, damit sein Foto besser wird. Es waren keine 5 m zwischen dem Tier und seinen Söhnen!!!
Der Lärm der vielen Menschen und der ganze Affentanz führte dazu, dass der Bär immer unruhiger wurde, verunsichert durch das Gebüsch "hoppelte" und sich nach rechts, wo noch nicht soviele Leute standen, etwas zurückzog. Bald war er auch dort von Menschen umringt (siehe Bild unten). Es erfasste ihn die Panik und er rannte kurz darauf blindlings über den Icefield Parkway. Es war ein Glück, dass gerade kein schnellfahrendes Auto vorbeikam...!


Black Bear Human Interaction
Der menschlichen Dummheit und Unverantwortlichkeit
gegenüber wilden Tieren sind keine Grenzen gesetzt!


Keine drei Stunden später wiederholte sich dieses traurige Schauspiel ein zweites Mal bei unserem Schwarzbären #7. Von 1993 bis 2003 starben 125 Bären auf den Straßen hier in den Rocky Mountains und nicht gerade wenige davon genau in solchen "bear jams". Fotograf Darwin Wiggett schreibt in seinem ausgezeichneten Fotoführer "How to photograph the Canadian Rockies" (siehe Buchtipps) "CONSIDER NOT STOPPING" und ich kann seine Haltung gut nachvollziehen. Als Tourist wird man es wohl kaum über das Herz bringen, nicht anzuhalten, wenn man schon das Glück hat einen Bären in freier Wildbahn beobachten zu dürfen, aber das was sich hier abgespielt hatte, hat mir sehr zu denken gegeben und bei unseren Bären #8 und 9 haben wir uns ein wenig anders verhalten.

Unser Schwarzbär #5 im Yoho N.P. (oben), Schwarzbär #7 im Jasper N.P. (Mitte) und Schwarzbär #10 in der Blumenwiese am Hwy 5 (unten)

Der Hwy 93A, der von Jasper parallel zum Icefield Parkway verläuft, gilt als guter Platz um wildlife zu beobachten. Und in der Tat, es dauerte nicht lange bis wir zwei Schwarzbären auf einer versteckten Lichtung entdeckt hatten. So schrecklich egoistisch unser Verhalten jetzt erscheinen mag, aber angesichts dessen, was sich am Tag zuvor abgespielt hatte, hielten wir zwar am Straßenrand und beobachteten die Bären, allerdings immer nur dann, wenn keine anderen Autos vorbeifuhren. Ansonsten richtete ich mein großes Zoomobjektiv auf die gegenüberliegende Straßenseite. So etwas wie am Vortag, das wollte ich einfach nicht noch ein zweites Mal erleben. Sehr lange hatten wir leider ohnehin nicht das Vergnügen, es waren zwei wohl noch recht jugendliche Schwarzbären, die gemeinsam durch das Gebüsch streiften. Es sieht so drollig aus, wenn diese großen, mächtigen Tiere sorglos und unbeschwert "herumhoppeln" - ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst. So schön kann Natur in ihrer Ursprungsform noch sein, wenn wir Menschen uns nicht einmischen!

Unsere Nummer 10 war leider wieder ein Verkehrsstau-Bär, der sich an einem sonnigen Hang unmittelbar neben dem Hwy 5 aufhielt. Es war ein stattlicher Schwarzbär, der größte den wir bislang begegnet sind, der sich hier vor unseren (und anderen) Augen auf die Wiese gelegt und am Bauch zu kratzen angefangen hat. Zunächst hielten sich alle Schaulustigen auch an den "Bärenkodex" und beobachteten das Schauspiel aus dem Auto heraus. Aber schwarze Schafe gibt es überall, und es dauerte nicht lange bis die Erste die Tür aufriss und über die Straße rannte um den Bären etwas bildfüllender abzulichten. Das Auto wenden und auf der anderen Straßenseite zu parken hätte da denselben Effekt gehabt, mit dem "geringfügigen" Unterschied, dass sie so den Bären nicht gestört hätte und noch viele nachfolgende Besucher die Chance gehabt hätten, dieses Schauspiel zu genießen... So aber verschreckte sie den Bären, der diesmal zum Glück nicht über die Straße rannte, sondern auf Nimmerwiedersehen im Gebüsch verschwand.



Damit Bären überhaupt noch eine Überlebenschance in unserer viel zu klein gewordenen Welt haben, dürfen sie sich an uns Menschen nicht gewöhnen. Jedes dieser Tiere, das die ihnen natürlich angeborene Furcht vor uns Menschen verliert oder gar unsere Abfälle als Nahrungsquelle entdeckt, ist so gut wie tot. Sie werden nur allzu schnell zu sogenannten "Problembären", dringen zu Campingplätzen und Siedlungen vor oder verhalten sich plötzlich aggressiv gegenüber Menschen und müssen dann nicht selten umgesiedelt, gewaltsam "entwöhnt" oder gar "eliminiert" werden. Ihr natürlicher Instinkt lässt sie fliehen, es gibt nur wenige Fälle, bei denen Grizzlies uns tatsächlich als Beute betrachten und Menschen nachstellen, aber auch das ist in der Vergangenheit schon vorgekommen. Wer einen guten Magen hat, kann sich solch Horrorgeschichten im Buch "Bears Attacks" durchlesen (siehe auch Buchtipps). Im Gegensatz zu den vielen reißerischen Büchern, die es vor Ort überall zu kaufen gibt, wurde dieses von einem Universitätsprofessor verfasst, der sich 20 Jahre lang der Verhaltensforschung gewidmet hat - wie Bären leben, von was sie leben und ihre Interaktionen mit Menschen. Es ist ein durchaus empfehlenswertes Buch, wenn man sich für die Materie interessiert. Und es handelt keineswegs nur von Bärenattacken, sondern gibt einen guten Einblick in die Lebensgewohnheiten und Verhaltensmuster dieser faszinierenden Tierart.


Etwas habe ich bislang noch verschwiegen bei meinen Erzählungen aus den kanadischen Rockies und zwar aus gutem Grund. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, diesen Bericht nie zu vollenden bzw. nie online zu stellen - zu deprimierend war das, was ich im Internet herausgefunden hatte! Bereits drei "unserer" vier Grizzlies sind mittlerweile nicht mehr am Leben...
Nur wenige Wochen nachdem wir Anfang August Bear #66 mit ihren drei 6 Monate alten cubs vom Straßenrand beim Fressen und Spielen beobachtet hatten, ist die Mutter der Kleinen im Banff N.P. von einem Zug erfasst worden. Allein auf sich gestellt, fielen zwei der unbeholfenen Jungtiere wenig später dem Autoverkehr am Trans-Canada Hwy zum Opfer. Der dritte Waisenbär wurde Mistaya getauft und sitzt seit Anfang September in einem Käfig im Zoo von Calgary und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen (Stand: Dez 05). Die Geschichte dazu gibt es hier zu lesen.
Darf man der Statistik Glauben schenken, so müssen alljährlich auf den Straßen in der Provinz British Columbia 3 Menschen sowie 17.300 Tiere ihr Leben lassen. Noch erschreckender sind die Zahlen für das ganze Land: In jeder Minute, die vergeht, kollidiert in Kanada ein Tier mit einem Auto (Insekten sind bei dieser Statistik selbstverständlich nicht dabei!).

Auch die Hintergründe zu dem tödlichen Vorfall im Juni 2005 am Bench Trail südlich des Banff N.P., sind besorgniserregend. Damals wurden drei Joggerinnen von einem Grizzlybären überrascht, zwei entschlossen sich für den langsamen Rückzug und eine von ihnen erklimmte einen Baum. Das kräftige Tier schüttelte und rüttelte so fest, bis sie zu Boden fiel. Als Hilfe herbei kam, war die Sportlerin schon längst tot und der Bär verweilte noch auf ihr. Er wurde auf der Stelle erschossen.
Dachte ich mir vor Antritt unserer Reise noch "was für ein bestialischer Grizzly", so denke ich heute nach unserem Besuch und des oben beschriebenen Affentanzes, den wir Menschen mit den wilden Tieren zuweilen aufführen, doch deutlich differenzierter über diese Geschichte. Die drei Frauen waren auf einem jener Pfade unterwegs, die sich von Seiten der kanadische Parkverwaltung "under voluntary closure" befanden. Wildlife Manager haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der populäre Bench Trail mitten durch ein wichtiges Rückzugsgebiet der Bären verläuft, was von Outdoor Enthusiasten stets angefochten und ignoriert wurde.
Der Grizzly, der die junge Frau umgebracht hat, war jedoch kein unbekannter. Der 4 Jahre alte Bär trug die #99 und war nach einem ersten aggressiven Auftreten gegenüber Menschen in genau derselben Gegend bereits einmal umgesiedelt worden. Er fand jedoch den Weg zurück in seine Heimat.
Einen guten Zeitungsartikel zu diesem Vorfall gibt es hier zu lesen und der Gewöhnungseffekt der Bären an uns Menschen wird hier recht gut geschildert.

Black Bear eating Buffaloberries

Bären und eine ihrer Lieblingsspeisen: Buffaloberries wachsen an Weg- und Straßenrändern.

Der Verkehr und die vielen unverantwortlichen Parkbesucher sind jedoch nicht das einzige, das den Bären in den Rocky Mountains zu schaffen macht. Schon der Ranger im Yellowstone National Park erzählte mir damals im Jahr 2000 wie bedrückend er die Tatsache empfand, dass Bären nur innerhalb des Nationalparkgrenzen wirklich geschützt vor uns Menschen seien. Immer wieder käme es vor, dass Cowboys und Farmer Grizzlies erschießen und als Motiv für ihre Tat Selbstverteidigung angeben. Besonders dramatisch sind die Zahlen aus dem Jahr 2004, in dem 20 Muttertiere ihren Tod durch Menschenhand unmittelbar an den Grenzen zum Yellowstone N.P. fanden. In Summe waren es in den Lower 48 Staaten sogar 54 Tiere, die an ihr Schicksal glauben mussten. Angesichts der aktuellen Ereignisse in den Vereinigten Staaten stimmt mich die Erinnerung an die Schilderungen dieses Rangers sehr betrübt. Jüngsten Überlegungen der Bushregierung zufolge sollen Grizzlybären in der Umgebung des Yellowstone N.P. demnächst wieder von der Liste der bedrohten Tierarten (federal endangered species list) gestrichen werden, auf der sie seit 1975 aufgelistet sind. Hierbei geht es jedoch nicht nur um die Tatsache, dass sich der Grizzlybärbestand in Wyoming wieder einigermaßen erholen konnte und dass man aus diesem Grund sich "gezwungen" sieht, einzugreifen, um das natürliche Gleichgewicht beizubehalten. Vielmehr spielen da auch - wie könnte es anders sein - wirtschaftliche Faktoren eine nicht zu vernachlässigende Rolle und sollten die Bären ihren geschützten Status außerhalb der Nationalparkgrenzen verlieren, so ist zu befürchten, dass das Land, in dem sie heute noch einigermaßen friedlich und sicher leben, einmal den großen Ölmagnaten, dem Bergbau sowie der Holzindustrie in die Hände fällt. Nachzulesen im National Parks Traveler, in den NBC News hier oder hier sowie auf der Wesbite des U.S. Fish and Wildlife Service.

Einen Überblick der heutzutage letzten Rückzugsgebiete der Amerkanischen Grizzlies in den "Lower 48" gibt diese Karte. Vor der Eroberung des Westens lebten hier einst an die 100.000 Exemplare, heute sind es knapp über 1000. Vom ursprünglichen Lebensraum der Bären sind gerade mal 2% übrig geblieben. Selbst im Bundesstaat Utah waren Grizzlies einst beheimatet, das letzte dieser Tiere wurde dort im Jahr 1923 erlegt.

Black Bear at Jasper N.P.

Immer wachsam


Vor Ort habe ich mir zwei sehr gute und interessante Bücher zugelegt: Das "The Grizzly Almanac" von Robert H. Busch sowie das Buch "Bear Attacks - Their causes and avoidance" von Stephen Herrero, Professor an der Universität in Calgary und einer der weltweit renomiertesten Bärenverhaltensforscher.
Sehr empfehlenswert für die gesamte Region rund um den Banff N.P. und den Jasper N.P. ist der Fotoführer "How to photograph the Canadian Rockies" von Darwin Wiggett. In ihm findet man nicht nur vielerlei nützliche Tipps rund um das Thema Fotografieren von Wildtieren, der Autor weist auch in aller Deutlichkeit darauf hin, wie das eigene Verhalten, Bären negativ beeinflussen kann.
Von Bärenexperten empfohlen und ebenfalls fast in jedem Visitor Center erhältlich ist das Buch "Bear Aware" von Bill Schneider (FalconGuides 2004).

WEITER ZU TEIL II  -  Wandern in der Heimat der Bären

 

© 2005 Isabel Synnatschke      Last update 30.12.2005



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