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Auf den Spuren der Königslachse in British Columbia


In den klaren, sauberen Flüssen der kanadischen Provinz British Columbia spielt sich alljährlich ein Naturschauspiel ab, das seinesgleichen sucht. Während der Sommermonate und im Herbst ziehen Abermillionen von Lachsen flussaufwärts zu ihren Laichgründen. Es ist ein wochenlanger Todeskampf gegen Bären, Adler und andere Fressfeinde, gegen starke Strömungen, den Hungertod und die z.T. recht spektakulären Kaskaden, die es dabei zu überwinden gilt. Obwohl Lachse den Großteil ihres Lebens in den Ozeanen verbringen, beginnt und endet ihr Lebenszyklus im Süßwasser an den klaren, sauerstoffreichen Oberläufen der Flüsse. Diese dienen ihnen als Kinderstube, Laichgrund und letzte Ruhestätte.
Fünf verschiedene Lachsarten sind vor den Küsten Westkanadas und Alaskas beheimatet. Der größte unter ihnen ist der 1,6 m lange und bis zu 57 kg schwere Königslachs, der im Englischen die unterschiedlichsten Namen trägt wie beispielsweise King, Quinnat oder Chinook Salmon (in Anlehnung an die Chinook Indianer). Er beginnt i.d.R. seine Laichwanderung als erster im Jahr, oft schon im Mai. Von Juni bis September folgt ihm der Sockeye oder Red Salmon (Rot- oder Blaurückenlachs). Der Chum Salmon bzw. Keta (Hundelachs) schafft es bis auf eine stattliche Größe von rund 1 m und seine Migration erstreckt sich vom Hochsommer (im nördlichen BC) bis hinein in den Januar (im südlichen BC). Mit einer maximalen Körperlänge von 50 cm ist der Pink Salmon (Buckellachs) der kleinste der pazifischen Lachse. Es zieht ihn von Mitte August bis September in die Flüsse hinauf. Noch später im Jahr schwimmt der Coho oder Silver Salmon (Silberlachs) zu seinen Laichplätzen, kurz vor Wintereinbruch im Zeitraum von September bis November.

 
George Hicks Regional Park Swift Creek Salmon
Die Königslachslaichgründe am Swift Creek, Valemount, BC



World's longest salmon run to the spawning grounds

Wer im August bzw. September in die Region um Tete Jaune Cache in der kanadischen Provinz British Columbia kommt, sollte sich den Besuch dieses relativ unbekannten, nur 2,5 ha großen Schutzgebiets rund um den Swift Creek an der nördlichen Ortseinfahrt von Valemount, BC nicht entgehen lassen, denn es ist ein ausgezeichneter Platz um den größten aller pazifischen Lachse, den Chinook Salmon (Oncorhynchus tshawytscha), beim Laichen zu beobachten. Eine Brücke neben dem Hwy 5 dient als Aussichtsplattform und auch entlang des kurzen Weges, der dem Bachlauf folgt, kann man den Fischen näher kommen. Jegliches Stören der laichenden, ohnehin schon völlig entkräfteten Tiere ist unter allen Umständen zu vermeiden: Man sollte sich hier möglichst ruhig und leise verhalten. Das Betreten oder Verschmutzen der Gewässer ist selbstverständlich strengstens untersagt.

Das besondere an diesem Laichgrund am Swift Creek ist, dass er kilometermäßig der entfernteste von Pazifik ist, so dass nur die allergrößten und stärksten Exemplare es tatsächlich bis nach Valemount schaffen. Die Strapazen, die diese Tiere auf ihrem Weg hierher überwinden müssen, sind wahrlich unglaublich.
Lachse zählen zu den wenigen Fischen, die sich sowohl im Salz- als auch im Süßwasser aufhalten können. Die Adaptionsphase, während der wichtige chemische und physikalische Veränderungen in ihrem Körper ablaufen, ist jedoch hart und langwierig. In ihrer Jugend verweilen sie fast ein ganzes Jahr in der Mischzone des großen Flussdeltas bei Vancouver. Bei ihrer Rückkehr aus dem Ozean am Weg zu den Laichgründen vergeuden sie jedoch keine Zeit. Durch den plötzlich eintretenden dramatischen Salzgehaltunterschied verlieren die Lachse einen Teil ihrer schützenden Schicht. Ihre Schuppenoberfläche wird runzlig und von Schimmelpilzen befallen und nach kürzester Zeit ist ihr Körper von weißlichen Flecken bedeckt. Hinzu kommt noch, dass sie während ihrer 1280 km langen Rekord-Wanderschaft durch die Flüsse von British Columbia keine Nahrung mehr aufnehmen und sich zunächst aus ihren angelegten Fettdepots und gegen Ende von ihrem körpereigenen Proteinen am Leben erhalten. Während dieser 10 Wochen werden sämtliche unnötigen Muskeln abgebaut, wobei sich u.a. ihr typisches, seltsam vorgeschobenes Kiefer ausbildet und die Männchen einen kleinen Buckel bekommen. 18,5 km legen die Lachse im Schnitt pro Tag zurück. Bis auf ihr Skelett abgemagert und völlig entkräftet treffen die Tiere hier am Swift Creek ein, wo sie dann mit ihren letzten Reserven noch um die besten Laichgründe rivalisieren und ihre Nachkommenschaft gegen andere Fischarten verteidigen müssen.

Wir konnten im George Hicks Regional Park sehr schön beobachten, wie ein weiblicher Lachs seinen Laichplatz zurecht richtete. Hierfür legt sich der Fisch seitlich in das Wasser und wirbelt mit seiner Schwanzflosse den Kies auf und gräbt sich so langsam eine etwa 50x50 cm große Grube ("redd"), in die sie dann Schicht für Schicht mehrere Tausend Eier ablegt, die zeitgleich vom Partner befruchtet werden.
Die Männchen leben meist nicht mehr lange nach der Besamung der Eier, manche nur noch wenige Stunden, andere höchstens noch 1 bis 2 Tage. Das Weibchen hingegen versucht ihren "redd" noch eine kurze Zeit lang gegen hungrige Forellen und andere Lachse zu verteidigen, die einen neuen Laichplatz darüber errichten möchten, das unweigerlich den Tod der dort ersten abgelegten Eier bedeuten würde.

 

Salmon - Circle of Life

Die ersten Stadien im Lebenszyklus eines Königslachses


Die Fischeier gleichen zu Beginn kleinen orangefarbenen Gelatinekugeln. Nach ca. 3 Wochen macht sich ein dunkler Fleck im Inneren bemerkbar ("eyed eggs") und nach rund 45 Tagen erkennt man die ersten unförmigen Fische ("alevins"), aus denen sich ein großer orangefarbener Sack herauswölbt. So wie das Eigelb die jungen Kücken ernährt, dient dieser Magen als erste Grundversorgung. Und so makaber es klingen mag, spielen anschließend die verendeten Elternfische eine entscheidende Rolle in der Ernährung der jungen Fische ("fry"). Sie verweilen dann hier in ihrer Geburtsstätte noch fast ein ganzes Jahr, bis sie sich als "smolt" flussabwärts über Prince George in Richtung Vancouver wagen. Bei ihrer Wanderung über den Swift Creek, den McLennan und den Fraser River hinaus in den Pazifik prägen sich die Lachse den unterschiedlichen Geschmack und Geruch der einzelnen Flussabschnitte ein, wichtige Merkmale, die ihnen circa 4-7 Jahre später verhelfen werden, an den Swift Creek zurückzukehren. Was Umweltverschmutzungen hier für katastrophale Auswirkungen haben, kann man sich vorstellen!
Auf ihrer Wanderschaft durch die Weiten des Ozeans spielen das Erdmagnetfeld sowie die Sterne eine essentielle Rolle. Die meisten der erwachsenen Lachse schwimmen bis hinauf vor die Küste Alaskas und hinüber zur Inselkette der Aleuten, einige auch hinunter nach Kalifornien. Aber man hat auch schon Lachse vom Swift Creek in Japan(!) gefunden. Blinde Fische haben im Meer keinen Orientierungssinn und drehen sich im Kreis. Lachse, deren Geruchssystem nicht intakt ist, finden nie ihren Weg zurück in ihre Kinderstube.

Ab der ersten Augustwoche finden im George Hicks Regional Park täglich um 7:30 PM Führungen statt (samstags auch um 3:30 PM). Wir haben am 06.08.2005 an solch einem gemütlichen Pläuschchen am Ufer der Lachslaichgründe teilgenommen. Hierbei mussten wir auch erfahren, dass in diesem Jahr aufgrund des kalten Frühlings alles ein wenig später dran war. Normalerweise kommen die ersten Fische Anfang August in Valemount an, heuer waren es erst sehr wenige, die hier herum schwammen und warteten bis das Wasser die ideale Laichtemperatur erreicht. Mitte des Monats ist der Swift Creek normalerweise rot vor lauter Königslachse. Bis zu 500 Paare haben sich dann in diesem kurzen Flussabschnitt niedergelassen und werden bis zu 2,5 Millionen Eier in die Kiesflächen ablegen. Dass solch eine große Menge notwendig ist, um das Überleben der Art zu sichern, wird deutlich an dem sehr geringen Prozentsatz der nach einem Jahr allen Widrigkeiten zum Trotz das Meereswasser erreicht. 75% der Nachkommen fallen schon im Eistadium Feinden zum Opfer. Auch als kleine Fische sehen sie einer unsicheren Zukunft entgegen. Tatsächlich werden lediglich 5% der Nachkommenschaft jemals den Pazifik zu Gesicht bekommen. Dort wandern die silbernen Königslachse Tausende von Kilometern, bis sie schließlich nach vielen Jahren mit einer deutlichen kupferroten Verfärbung zu ihrer Geburtstätte zurückkehren.

Mindestens so interessant ist diese Gegend auch im Anschluss an die Laichzeit, wenn das große Massensterben einsetzt und die verendeten Fische zahlreiche Weißkopfseeadler, Braun- sowie Schwarzbären anlocken. Dann sollte man allerdings stets auf der Hut sein, allen voran wenn man plötzlich schön in Reih und Glied ausgelegte Lachsleichen im Wald antrifft, denn das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass sich Meister Petz in unmittelbarer Nähe befindet und der könnte nicht gerade tolerant reagieren, wenn ihm jemand sein Festmahl streitig macht. Diese Tiere sind so schlau, dass sie halbtote, abgemagerte Lachse nutzen um die kleineren Bewohner der Wälder anzulocken und erst wenn die verwesenden Fische voller Käfer und anderen nahrhaften Leckerbissen sind, werden sie von den Bären verspeist. So kommt es, dass die Königslachse selbst für die umliegenden Wälder eine wichtige Rolle spielen. Der in ihnen enthaltene Stickstoff dient den Pflanzen und Bäumen als Dünger. Auch Gänsesäger, Enten, Wasseramseln und Forellen beteiligen sich am Festessen und laben sich an den Fischeiern. An die Zukunft der Lachse ist das Überleben vieler einheimischer Tierarten gekoppelt, die sich an ihnen jeden Herbst für die harten, langen Wintermonaten mästen.

 

George Hicks Regional Park Tete Jaune Cache
Beinahe jeder Fluss und Bach in der Region um Tete Jaune Cache
wird von Königslachsen aufgesucht, so auch der Swift Creek (links).


Dieser Regional Park schaut auf ersten Blick alles andere als spektakulär aus und ohne all das Hintergrundwissen, das uns der sehr nette Naturkundler vermittelt hat, wären wir wohl unwissend von dannen gezogen ohne diesem Platz jemals eine besondere Bedeutung zuzumessen. So bekamen wir aber an jenem Abend noch einen Geheimtipp von einem weiteren versteckten Laichgrund in der Nähe von Tete Jaune Cache und fuhren am nächsten Morgen nicht - wie geplant - gleich weiter zum Wells Gray P.P. sondern haben versucht die Tete Jaune Spawning Grounds ausfindig zu machen. Da der vom Naturkundler skizzierte Plan vom Vortag nicht annähernd stimmte, sind wir eine gute Zeit lang mit unserem PKW (Pontiac Grand AM) auf sämtlichen Feld- und Waldwegen herumgeirrt, die immer wieder als Sackgassen bei entlegenen Farmhäusern und anderen private properties endeten. Zweimal bin ich dann ausgestiegen auf der Suche nach jemandem, den man fragen könnte. Ein Einheimischer, den ich gerade bei seinem Frühstück gestört habe, hatte noch nie von diesem Laichgrund in der Nähe seines Grundstückes gehört. Eine ältere Dame, die sich gerade um ihren Gemüsegarten gekümmert hat, konnte uns zum Glück nähere Auskünfte geben und so fanden wir sie schließlich doch, diese ominösen Laichgründe, bei denen es nach Angabe des Naturkundlers schon weitaus mehr Lachse zu beobachten geben sollte. Ein etwas abenteuerlicher Waldweg führte hinab zum Flussufer, wo wir unser Auto parkten. Gelohnt hat sich der Ausflug leider nicht, da der McLennan River in diesem Abschnitt dermaßen aufgewühlt und schlammig war, dass man absolut nichts sehen konnte. Angesichts der entlegenen Lage, dem vielen unübersichtlichen Gebüsch und der schmackhaften Lachse waren hier wohl die Bären auch nicht fern und wir beschlossen lieber noch einmal den George Hicks Regional Park aufzusuchen, wo es an dem Morgen zu meiner Freude neben den Lachsen auch noch viele Vögel zu beobachten gab. Ein dipper (Wasseramsel) erschrak - so wie ich - vor einer harmlosen Schlange unterhalb der Brücke, ein Kanadareiher hielt Ausschau nach kleineren Fischen, farbenprächtige cedar waxwings (Zedernseidenschwanz) zwitscherten munter im Gebüsch und ein robin (Wanderdrossel) nahm ein Bad in einem kleinen Tümpel am Ufer des Swift Creek.
Fazit: Für schöne Naturerlebnisse können nicht nur die großen berühmten Nationalparks sorgen, auch so manch winziger, unscheinbarer Park unmittelbar neben einem Highway am Rande einer Stadt, von dem man sich nicht allzuviel erwartet hatte, kann Beeindruckendes bieten.

Im Valemount gibt es noch ein zweites Naturschutzgebiet, das RW Starratt Wildlife Sanctuary. Von den Dammwegen durch das Schilf und den Aussichtstürmen lassen sich Biber, Bisamratten und viele Vogelarten beobachten. Hier hatten wir allerdings weniger Glück: keine interessanten Tiere außer ein paar Enten, Gänsesäger und (wie leider überall) Unmengen an Gelsen...

Links: Offizielle Webseite, Valemount Tourism

 

Rearguard Falls

In diesem kleinen, südlich des Hwy 16 und 5 mi östlich von der Tete Jaune Junction gelegenen Provincial Park, kann man die großen Königslachse bei der Überwindung einer imposanten Kaskade beobachten. Ebenso wie beim George Hicks Park haben die Tiere bereits eine beschwerliche Laichwanderschaft von über 1200 km hinter sich, wenn sie hier ihr letztes Hindernis vor den Laichgründen bei den Overlander Falls am Upper Fraser River bewältigen.
Ein einfacher, 5-minütiger Spaziergang führt von der Hauptstraße zu einem Beobachtungsplatz an den Rearguard Falls. Die Mehrzahl der majestätischen Chinook Lachse treffen hier gegen Mitte August ein und das Spektakel zieht sich bis in den September hinein. Am 6. August 2005 hatten wir an diesen Wasserfällen leider noch kein Glück, aber auch ohne Fische war die Wassermenge, die hier herunterschnellt beeindruckend und man kann sich kaum vorstellen, dass ein Fisch die Kraft aufbringen kann, solch eine Barriere zu überwinden.

Links: Offizielle Webseite



Auswahl einiger weiterer Lachsbeobachtungsplätze in British Columbia:

Die Sockeye Wanderung im Roderick Haig-Brown P.P. am Adams River/Salmon Arm: http://www.bcadventure.com/murphys/adamsriver/salute.htm
http://www.env.gov.bc.ca/bcparks/explore/parkpgs/roderick/ (im Oktober)

und im Horsefly River: Horsefly Spawning Channel
sowie in Granisle: Fulton River Spawning Channel (Ende August)

Im November findet am Hoy Creek zur Rückkehr der Lachse ein Festival statt:
Salmon Come Home Event

Laichgründe der Coho und Chum Lachse:
Hyde Creek Watershed in Port Coquitlam (November)
Goldstream Provincial Park auf Vancouver Island (zwischen Oktober und Dezember)

Bear Creek Park
in der Stadt Surrey bei Vancouver (November)

Bei den Moricetown Falls am Bulkley River in der Wet’suwet’en Reserve kann man die Indianer bei ihrem abenteuerlichen, traditionellen Lachsfangen beobachten:
http://angier-fox.com/images/0804-british-columbia/image/page61.html

http://www.bcnorth.ca/pages/highwayPhoto/EastMorFalls.htm

 


© 2005 Isabel Synnatschke
      Last update 11.10.2005

 

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